Aethercircus in Stade - Samstag

Eine doppelte Premiere: das erste Steampunk-Festival Deutschlands und mein erstes Festival. Dementsprechend durch den Wind war ich dann auch schon am Freitag. Und dann auch noch ganz allein.

Deswegen das Motto des Wochenendes: Dummdreist Leute anquatschen!

Ist zwar eigentlich nicht meine Art, aber die ganze Zeit allein ist auch doof. Aber ich konnte ja am Stader Bahnhof gleich üben: An Susi und Maria, beide aus Hessen - welch ein Zufall!

So liefen wir also zu dritt in voller Gewandung quer durch die Stader Einkaufsmeile. Die beiden Damen zogen ihre Koffer ratternd über's Kopfsteinpflaster, so waren wir weder zu übersehen noch zu überhören. Dank der ausführlichen Beschreibung auf der Aethercircus-Webseite war das Rathaus leicht zu finden. Und eine nette Dame mit blauer Orga-Schärpe zeigte uns, wo wir unsere Sachen unterbringen konnten.

Kaum waren die Koffer verstaut konnte der erste Rundgang durch das Rathaus beginnen. Ein Zaubertrankhändler bot "Dampf im Glas" an. Es gab mechanischen Schmuck, wundervolle Korsetts, wirklich toll ausgefallene Lederzylinder, Bücher und natürlich viele, viele herausragende Erfindungen zu bestaunen. Horatius Steam, Admiral Aaron Ravensdale, Lord Mel und Teleman von Phone zeigten ihre Apparate. Viele davon kannte ich ja bereits aus dem Rauchersalon aber in natura sind sie wesentlich eindrucksvoller.



Was den Ort für die Präsentation seiner Werke angeht hatte Lord Mel den Hauptgewinn gezogen: Direkt gegenüber des Eingangs, wundervoll eingerahmt von Säulen und den Treppenaufgängen.


Die Unterbringung des Festivals im Rathaus war zwar eine Notlösung, aber durch die wunderbare Architektur mit Gewölbe, breiten Treppen und hölzerner Wandvertäfelung war die Zeitreise komplett.

Nachdem ich in der Jugendherberge meine Hose gegen den neu genähten Rock getauscht hatte, musste ich auf dem Rückweg feststellen, das meine Gamaschen ohne Hose nicht halten. Das hatte ich schon befürchtet aber natürlich die Stecknadeln vergessen. Aber die nette Dame vom kreativen Basteltisch lieh mir Nadel und Faden um die Gamaschen enger zu heften. Da nur wenig Zeit blieb bis die Modenschau anfangen sollte, war das Ergebnis leider genauso ungenau wie ineffektiv. Bei der Gelegenheit stellte ich auch fest, dass einem der Zwicker ganz schnell von der Nase fließt.

Aber es nütze nichts. Die Modenschau fing an. Und zwar mit den Teilnehmern des Outfit-Wettbewerbs. Neun Startnummern, zehn Damen und Herren und ein Kleinkind als Accessoire. Als die Teilnehmer gebeten wurden durch den Mittelgang zu flanieren, nutzen zwei Damen gleich die Gelegenheit wieder im Publikum zu verschwinden. Das wurde aber sofort bemerkt und die Damen zurückbeordert. Nachdem noch einmal alle Teilnehmer ins rechte Licht gerückt wurden, war es am Publikum die Nummer der Wahl niederzuschreiben. Während ein junger Herr noch die Stimmzettel einsammelte, begann auch schon der "Werbeblock" für Little Shadow, welche ihre Filz-, Seiden- und Leinenkreationen vorstellten. Diese bewegten sich meiner Meinung nach eher im Bereich Elfenfantsy und Mittelalter denn Steampunk, waren aber durchaus hübsch anzusehen.

Anscheinend konnten es die Mannequins nicht erwarten ins nächste Outfit zu schlüpfen und verschwanden ganz schnell zurück nach hinten - um so bald nicht wieder aufzutauchen. Das brachte den "französischen" Moderator ganz schön in Not. Aber mit einer Menge Wortspielen und nicht ganz jugendfreier Anspielungen gelang es ihm diese langen Pausen zu überbrücken.

Mit dem Problem der langen Umkleidezeiten hatten auch die Damen von Steampunk Decadence zu kämpfen. Mit viel Selbstvertrauen und Temperament präsentierten sie Steampunk-Kreationen mit viel Punk aber auch Anleihen aus Lolita und Rokoko. Da verschlug es auch dem Franzosen die Sprache, schließlich konnte er von einer Position auf der Bühne einige Blicke in die Umkleide erhaschen.

Zum Schluss wurde der Herr aus Frankreich auch direkt zum Kleiderständer degradiert, während sich eine Dame aus einem Kleid Jahrgang 1886? schälte und so Einblick in die vielen Schichten der viktorianischen Frauenkleidung gewährte - das erklärt auch die Verzögerungen während der Modenschau. Zum krönenden Abschluss nahm sie - "nur" noch mit Unterkleid, Liebestöter und Korsett bekleidet - auch noch ihren Hut ab und war damit für "eine Frau dieser Zeit praktisch nackt".

Nach der Modenschau trieb mich der Hunger in die Stadt hinaus. Ein sonniger Samstag mit milden Temperaturen lud natürlich ein sich ein gemütliches Straßencafé zu suchen. Doch allein? Nach dem Motto des Wochenendes "dummdreist anquatschen" hielt ich Ausschau nach Steampunks, die bereits ein nettes Plätzchen zum Essen gefunden hatten.

Das Motto galt jedoch nicht nur für mich. Und so hatte ich auf den hundert Metern bis zum Alten Hafen schon fünf Mal erklärt was Steampunk ist. Dann traf ich aber Nummer 8 und 9 des Outfitwettbewerbs - diesen hatten übrigens Miss Overlock und Teleman von Phone gewonnen - welche sich in einem kleinen Restaurant eingefunden hatten. Sie gestatteten mir mich zu ihnen zu gesellen und so kamen wir dann auch ins Gespräch. Lady Ylia of Longvalley und Lord von Barmbeck, zwei Schweizer, waren erst im Mai auf das Steampunk-Genre gestoßen und hatten sich gleich voll engagiert, mit Nähen Basteln und kreativer Zusammenstellung einer vorzüglichen Garderobe. Wenn ich bedenke, dass ich schon seit anderthalb Jahren an meiner Gewandung stückele und immer noch sooo viel fehlt...

Gesättigt und um zwei nette Bekanntschaften reicher ging es zurück zum Rathaus. Dort probierte ich mal ein Halskorsett an und unterhielt mich mit der Korsettmacherin über eine mögliche Umsetzung eines geperlten Halskorsetts. Sie hat mich da auf einige recht interessante Ideen gebracht, die ich hoffentlich bald umsetzen kann.

Laut Plan sollte der nächste große Programmpunkt, das Konzert, um 18 Uhr beginnen und so fanden sich einige Wartende vor dem Königsmarksaal im Obergeschoss ein. Doch es passierte erst einmal nichts. Aber so kam ich dann noch mit einer Dame ins Gespräch, die neben mir erschöpft in einen Stuhl sank. Irgendwann hieß es, das Konzert sei auf 19 Uhr verschoben worden, weshalb Marita (einer der wenigen Namen, die ich mir merken konnte - die Visitenkarte hat dabei natürlich auch geholfen)  und ich uns entschlossen die Zeit zur Auffüllung unserer Wasservorräte zu nutzen. Dabei trafen wir die Schweizer und Viktoria vom Waldesrand. In dieser Gesellschaft brachen wir dann zu einem Spaziergang durch Stade auf - hinunter zum Alten Hafen.



Mit freundlicher Erlaubnis der Lady Ylia zur Verfügung gestelltes Gruppenbild (von links): Viktoria vom Waldesrand, Lady Ylia, Lord von Barmbeck, Marita Zuberwölfin und meine Wenigkeit.

Wie das so ist bei gemütlichen Spaziergängen, vergisst man gern einmal die Zeit. Deshalb habe ich von der ersten Band des Abends "Aeronautika" nur drei oder vier Lieder mitbekommen. Da leider die Technik Probleme bereitete waren die Herren Sänger so gar nicht zu hören. Deswegen kann ich nur vermuten, dass die Texte durchaus steampunkig waren. Was die Musik betrifft da scheiden sich die Geister an der Definition von Steampunkmusik.

Die zweite Band "Off Limits" hatte ebenso mit der lieben Technik zu kämpfen, haben das aber sehr professionell überspielt. Die Musik hat mir gut gefallen nur den Steampunk konnte ich darin nicht erkennen - aber wie gesagt, das ist so 'ne Definitionssache.

In der Spielpause traf ich Susi und Maria wieder. Diesmal hatte sich noch Marie dazugesellt, die den Dampf im Glas am Beispiel von Birnenwein ausprobierte. Wir haben uns dann so verquatscht, dass wir glatt die Tanzshow verpasst haben und auch erst mitten im Auftritt der letzten Band "Drachenflug" wieder in den Saal zurückkehrten. Sehr ruhige Musik - was eventuell auch an der bockenden Technik gelegen hat - aber wieder meine Frage: Wo war das Steampunk außer an den Klamotten der Herrschaften?

Krönender Abschluss des Abends: Die Feuershow der Damen von "Mannstoll". Die wohl beste Feuershow, der ich bisher beiwohnen durfte.

So viel zum ersten Tag. Morgen geht's weiter.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen