Engelsflügel

Wer schon einmal beim Hessencourrier eine Nikolausfahrt mitgemacht hat, weiß: Kurz vor Naumburg hält der Zug mitten im Wald. Angestachelt vom Zugführer drängeln sich die zahlreichen Kinder auf den Plattformen, schauen zu den Fernstern heraus und rufen den Nikolaus.

Der lässt sich natürlich nicht lange bitten und tritt zwischen den Bäumen hervor, begleitet von einem Engel, der das goldene Buch trägt.

Seit etwas mehr als einem Jahr bin ich nun Mitglied beim Hessencourrier. Da kann man hinter die Kulissen kucken. Und hört auch wenn der Engel ganz gekränkt erzählt, dass die Kinder lästern wegen der kleinen Flügel. Mit denen könne man ja gar nicht fliegen.

Damit die Kinder dieses Jahr nicht wieder spotten, kriegte der Engel neue Flügel. Groß und schön.

Engel und Nikolaus besuchen den Hessencourrier |  www.zeitunschaerfe.de

Orientiert habe ich mich an dieser Anleitung. Dort wird Verpackungsfolie benutz. Auf der Connichi habe ich allerdings solche Flügel gesehen und war von dem Material nicht begeistert.

Meine Wahl fiel auf Moosgummi. Große Platten mit 2mm Stärke fand ich in einem Kreativversand

Die Flügel sind aus mehreren Moosgummilagen abgestufter Länge aufgebaut. In der oberen Kante, wo bei einem echten Flügel Knochen wären, sorgt eine gebogene Metallstange für Stabilität. Nach unten laufen die Schichten in Federn aus.

Drahtgerüst für die Engelsflügel | www.zeitunschaerfe.de

Federn und Formen der Flügel | www.Zeitunschaerfe.de

Form der Flügel | www.Zeitunschaerfe.de

Die Form der Federn habe ich mit silbernem Gelstift angezeichnet. Der lässt sich praktischerweise restlos mit einem feuchten Tuch wegwischen.

Moosgummi ist weitestgehend abwischbar | www.Zeitunschaerfe.de

Die längste der insgesamt fünf Stufen nutz die gesamte Fläche der Moosgummiplatten. Von diesen werden nur zwei benötigt; eine pro Flügel. Von allen weiteren Längen müssen jeweils vier geschnitten werden. Sie kommen vorn und hinten auf den Flügel.

Also jede Menge Federn schneiden. Und ganz viele kleine Moosgummischnipsel produzieren.

Stellprobe der Flügel | www.Zeitunschaerfe.de

Stellprobe der Flügel | www.Zeitunschaerfe.de

Für die Stellprobe sind die Platten mit Malerkrepp befestigt. Danach gedachte ich doppelseitiges Teppichklebeband zu verwenden. Das hatte sich in Vortests als recht haltbar erwiesen.

Leider ist Moosgummi ein unglaublich störrisches Material. Nur wenige Klebstoffe halten darauf. Pattex, Heißkleber und Sekundenkleber beispielsweise nicht. Und es begibt sich immer in die Ursprungsform zurück; langsam aber stetig.

Beide Eigenschaften vereitelten alle Versuche, den oberen Abschluss zu versäubern.  Leichte Überstände zu lassen, die zusammengedrückt werden, hielt etwa zwei Tage. Dann prangte am oberen Rand ein Graben.

Diesen mit Federn zu verdecken, hielt keine drei Stunden. Dann machten sich die Federn wieder grade und nahmen das Klebeband mit. Auch darunter liegende Schichten begannen sich zu lösen.

Versuch Moosgummi mit Teppichklebeband zu kleben | www.Zeitunschaerfe.de

Versuch Moosgummi mit Teppichklebeband zu kleben | www.Zeitunschaerfe.de

Versuch Moosgummi mit Teppichklebeband zu kleben | www.Zeitunschaerfe.de

Das hieß dann: Alles auf Anfang.
Die Flügel komplett auseinander nehmen und das Klebeband entfernen. Da sah mein Zimmer aus, als hätte ich einen Engel geschlachtet.

Dann erstmal ins Bastelgeschäft und Moosgummi-Kleber kaufen. Der hält dann auch was er verspricht. Muss allerdings zehn Minuten trocknen.

Auseinandernehmen der Flügel | www.Zeitunschaerfe.de

erste Schicht der Flügel | www.Zeitunschaerfe.de

Kleben mit Moosgummikleber | www.Zeitunschaerfe.de

So ganz sauber sah der obere Rand danach jedoch nicht aus. Zum Glück gibt es Dremel. Auf etwa 10 000 Umdrehungen mit einem Sandpapieraufsatz lässt sich Moosgummi gut in Form bringen. Wenn man es richtig glatt haben will, sollte man einen feineren Aufsatz verwenden.

Abschluss vor dem Dremel | www.Zeitunschaerfe.de

Abschluss nach dem Dremel | www.Zeitunschaerfe.de

Um die störrischen Federn zu bändigen, hilft Wärme. Moosgummi hat einige Gemeinsamkeiten mit Worbla. Es lässt sich Schleifen und mit Wärme formen.

Allerdings sollte man nicht ganz so lange mit der Heatgun draufhalten. Dann fängt der Gummi an zu schrumpfen. Für eine leichte Biegung, die noch mit Klebstoff fixiert wird, reicht es drei, vier Mal drüber zu pusten.

Einzelne Federn fixiert zur Hitzeformung | www.Zeitunschaerfe.de

geformte Federn | www.Zeitunschaerfe.de

Damit sind die Flügel selbst auch schon fertig.

fertiger Engelsflügel  | www.Zeitunschaerfe.de


Rückenhalterung

Allein die Flügel reichen nicht. Irgendwie müssen sie auch am Rücken befestigt werden.

Aus mehreren Schichten Worbla habe ich eine Platte geformt mit zwei Rollen, in die die Enden der Metallstangen gesteckt werden. Diese Röhren haben eine Nut am oberen Ende, die dafür sorgt, dass die Flügel nicht wild hin und her schlackern.

Rohling aus Worbla für den Rückenhalter | www.zeitunschaerfe.de

Nut verhindert Herumschwingen der Flügel | www.zeitunschaerfe.de

Mit einer Nadel kommt man nicht durch drei Schichten Worbla. Deswegen wurden die Löcher zum Annähen der Gurte gebohrt. Die Gurte sind wie Rucksackträger über eine D-Ring-Schlaufe längenverstellbar.

Gurtbefestigung am Rückenhalter | www.zeitunschaerfe.de

Verstellbarer Gurt | www.zeitunschaerfe.de

Alle Ecken und Kanten wurden mit dem Dremel abgerundet. Zwei Schichten Moosgummi erhöhen den Tragekomfort. Zum Schluss noch alles Weißen, damit man den Halter unterm Kleid weniger sieht (ohne Photo).

Das Kleid

Für das Kleid mussten ganz viele Polyestherchen sterben und der Ausschnitt ist so tief, dass man die Gurte des Flügelhalters sieht. Ein neues zu schneidern war zeitlich nicht drin. Deshalb bin ich nochmal losgezogen und habe ein weißes Shirt gekauft. Dieses kann drunter getragen werden und dort kommen auch die Löcher für die Flügel rein.

Löcher für die Flügel | www.zeitunschaerfe.de

Da ich keine weiße Vlieseline hatte, hab ich weißen Stoff mit Saumband zur Verstärkung hintergebügelt und dann einfach Knopflöcher genäht.

Trageeigenschaften

Die Flügel haben inzwischen mehrere Fahrten mit dem Hessencourrier überstanden. Die Rußflecken konnten weitestgehend wieder abgewischt werden.

Großer Vorteil ist die einfache Montage der Flügel. Den Rückengurt umgeschnallt, Shirt und Kleid drüber, kann man Auto fahren und sich ungehindert bewegen. Vor Ort dann nur schnell die Flügel anstecken und fertig. Wichtig ist nur, dass die Gurte ordentlich festgezurrt sind.

In den engen Wagons ist natürlich die Manövrierfähigkeit etwas eingeschränkt, aber dank der Aufhängung könnten die Flügel nach hinten klappen, wenn man durch die schmalen Zugtüren geht. Es ist auch nicht allzu schlimm mal jemanden damit zu erwischen, die untere Hälfte ist sehr flexibel und gibt nach.

Wie einer der Engel berichtete ist wohl das Überqueren der Plattformen zwischen den Wagen etwas heikel. Der Fahrtwind zerrt arg an den Flügeln.

Und zum Schluss nochmal der Engel in aller Pracht.

Engel mit DIY Flügeln beim Hessencourrier | www.zeitunschaerfe.de

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