Funktion ist optional, Stil nicht

In einer noch nicht lange zurückliegenden Diskussion über die (vorhandenen?) Regeln des Steampunks kam mal wieder der Standpunkt hoch, dass Zahnräder, wenn sie verwendet werden, zwingend auch eine Funktion haben müssen. Dies ist keine neue Ansicht, aber ich muss zugeben, dass sie mich immer wieder auf’s Neue ärgert.

Zumindest ein bisschen.

Schon gut! Genug um mich länger darüber auszulassen.

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In meinen eigenen Kreationen taucht es nun recht selten auf, trotzdem bin ich ein vehementer Verfechter des funktionslosen Zahnrades. Egal ob gemalt, gestickt, aufgeklebt, gestanzt, aus einer Uhr operiert, oder angelötet.

Bitte versteht mich nicht falsch!
Ich finde es toll, wenn Zahnräder auf einem Automaton, einer Waffe oder einem mechanischen Gelenk tatsächlich eine Funktion haben, selbst wenn diese nur angedeutet ist. Das spricht von echtem Erfindergeist.

Die Werkstatt ist eher das Revier der Herren. So ist es auch wenig verwunderlich, dass der Wunsch nach funktionalen Zahnrädern meist von Männern vorgetragen wird (zumindest meiner Erinnerung nach).

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Natürlich kann ich die Ernüchterung eines Bastlers verstehen, der mit viel Mühe funktionale Mechaniken konstruiert, sich dann jedoch einem Werk gegenübersieht, das mindestens eben so viel Mechanik zeigt, die jedoch genau Nichts tut.

Nun ist es aber so, dass gerade von Bastlern als Motivation angeführt wird, etwas zu schaffen, dessen Form nicht allein der Funktion folgt. Der Ausbruch aus der reduzierten Designwelt von heute ist eine wichtige Antriebsfeder des Steampunk.

Gerade das viktorianische Design ist geprägt durch ein Übermaß an Ornamenten und der Mischung von Stilen verschiedenster Epochen und Regionen. Eine Eigenart, die auch an der Technologie nicht spurlos vorübergegangen ist. Alte Maschinen wirken runder, geschwungener. Die Arbeitsgeräte der Industrie sind zwar schnörkellos und rein zweckmäßig, doch bei Apparaten für den Hausgebrauch sieht man zusätzliche, ganz und gar nutzlose Verzierungen. Ich denke da vor allem an Nähmaschinen.

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Ergo nicht alles an einer Maschine muss funktionieren. Und der Steampunk erweitert die typischen ornamentalen Designelemente des vorletzten Jahrhunderts eben um das Zahnrad.

Man könnte das Zahnrad mit der Fleur-de-Lis vergleichen. Ursprünglich Symbol der französischen Monarchie, muss sich heute keiner mehr für irgendein Königshaus verdient machen um dieses Zeichen zu verwenden. Man findet es sogar im Unicode.

Ebenso findet man das Zahnrad auf allem, was irgendwie Steampunk ist oder sein soll. Mit einem so einfachen Symbol kann natürlich auch Schindluder betrieben werden. Es reicht eben nicht immer ein Zahnrad aufzukleben um etwas Steampunk nennen zu können.

Mit dem Zahnrad und dem Prädikat „Steampunk“ verhält es sich einwenig wie mit der Unterschied zwischen einer Reproduktion und einer Collage. Eine gewisse Schaffenshöhe muss erreicht sein. Das Design sollte zusammenpassen und mehr sein als statistisch verteilte Zahnräder.

Tatsächlich habe ich bei einem früheren Design dieses Blogs versucht das Zahnradrad auf eine möglichst organische Weise in die Ornamentik zu integrieren. Ein Urteil, wie gut mir das damals gelungen ist, sei jedem selbst überlassen.

ornamentale Zahnräder - Teil eines alten Blogdesigns | www.zeitunschaerfe.de

1 Kommentar:

  1. Was soll ich sagen meine liebe Zedena? Ich seh's wie Du! Vielen Dank für diese gelungene Meinungsäußerung!

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